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„Eine Poetische Realität“

Beim Eintauchen in die Kompositionen von Tomoko wird man von einem schwindelerregenden Gefühl eingefangen, doch genau von hier, von dieser Verwirrung aus muss man beginnen, sie zu erfassen, von diesem Gefühl eines unglaublichen Erstaunens, das Sie wie unter einem Mikroskop die Welt der Mikroorganismen, die in ihnen wimmelt und ihre poetische Realität erschaffen, entdecken lässt. Ihr urweltliches Element stellt in der Tat den Punkt, den winzigen Pinselstrich dar, der sich nach Tausenden Handstrichen der Künstlerin in helldunklen Äderungen, in Universen aus Sternen und Galaxien, in in der Leere schweifenden Welten verliert.

Dies ist die erste Schicht der Malerei von Tomoko, doch anders als die reine Grundlage des Werkes, die Basis, auf der die Phantasmen und die Märchen der Vorstellungskraft aufgebracht werden, stellt sie schon einen Bestandteil der Komposition dar, die der Fantasie der Künstlerin entspringt. Punkte, Linien, Flecken, als seien sie Korpuskel eines lebenden Organismus, und die verworrenen Geflechte eines Korallenriffs vereinen sich, um Fasern eines Blütenblattes zu bilden, die Schuppen eines Reptils, die Zipfel einer Spitze, der Staub eines Kometenschweifs, ihrerseits Gerüste verschiedener, immer komplexerer Formen, in denen man manchmal flüchtige, getarnte und unklare menschliche Figuren oder Tiere zu erkennen mag, ein anderes Mal nur die stürmische Entwicklung eines Zeichens, das niemals ein Ende finden könnte.

In der Erinnerung an die Ursprünge von Tomoko können wir an diesem Punkt versucht sein, ihre graphischen Darstellungen mit den Kimono-Verzierungen, den Stickereien ihrer Schleifen, den stilisierten Blüten der Chrysanthemen und Kirschen oder, aufgrund des vorherrschenden Weiß und Schwarz, mit den einfarbigen Sumi-e oder den Tan-e zu verbinden, wenn sie die können an nebelige Landschaften oder an Figuren des Kabuki-Theaters von irgendeinem Meister des Ukiko-e aus dem 18. Jahrhundert erinnern. So wie bei einem Aufenthalt in Europa ein Verweis auf die chromatischen Texturen von Klee, oder auf die dynamische Aufeinanderfolge des Futurismus auszuschließen ist, so sehr sie sich auch in der Technik und der Verwendung der Farbe an „Spielzeuge”, „Schreibübungen” und jeweils „Atoll” und „Sommer” annähern.

Es scheint demnach, dass die Poetik von Tomoko nur ihr entspringt, die sie bei ihren Streifzügen durch die außerirdischen Welten nach dem traumatischen Loslassen ihrer Ursprünge ausgereift hat, auch wenn man berechtigterweise annehmen kann, dass die kulturellen Wurzeln der japanischen Kalligraphie in der Vollkommenheit des Zeichens liegen und dass die insistierende und wiederholte Abfolge, mit der sie auf das Papier gebracht wird, das Mantra widerspiegelt. Aber abgesehen davon, die unbestreitbare Realität, die aus den Werken von Tomoko hervorgeht, ist, dass ihre Welt der Malerei die wahren Ressourcen der Originalität in sich birgt, nicht nur aufgrund der Spiritualität, die sie leitet, oder der technischen Fähigkeiten und der raffinierten Anwendung der Farben, mit der sie dem Betrachter gefühlvolle Melodien, Gefühlsstöße, verborgene Ironie und metaphysische Übertreibungen reicht, sondern auch durch die innovative Art und Weise, mit der sie uns einflüstert, uns dieser zu bemächtigen. Dies zeigt sich zweifellos in der Wirkung der gesamten Komposition, in der labyrinthischen Verworrenheit, in der Leichtigkeit oder der Gewalt der farblichen Anordnung,  doch wie wir schon zu Anfang sagten, auch und vor allem in der Entdeckung des Mikrokosmos, das jedes winzige Bruchstück belebt und in uns den Zweifel aufkommen lässt, dass der kreative Funken da und seine Entfaltung nur eine Illusion ist. Dem ist nicht so, da wir die Künstlerin kennen und somit wissen, dass die Ansammlung der Bruchstücke von einem Projekt geleitet wird, dem durch die Betitelung Bedeutung zugewiesen wird. Doch warum sollte man sich nicht von dem Gedanken verführen lassen, dass die kleine,Gleichmäßigkeit mit einem hellroten Pinselstrich unterbricht; Doch würden wir uns hierbei täuschen, da in ihren Bildern keine Spur von „fließenden Welten” oder anderen, für die japanische Malerei typischen Erscheinungen zu erkennen sind, denn nur die leichte Zartheit der Farben einiger Werke wie „Kathedrale” oder „Totem” oder die bunte Exartikulation der Marionetten von „Spaziergang im Weltall” oder „Der verrückte Skifahrer”vergrößerte, ein Bild formende Textur ausreichen würde, um uns davon zu überzeugen, vor einem Kunstwerk zu stehen?

Evripidis Petridis – Mailand 2017.

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